Bündner Bau-Kartell: sind Kartell-Absprachen im Gewerbe normal?

Sind (illegale) Kartell-Absprachen im Gewerbe normal? Gemäss idyllischer Skizzierung der NZZ finden das zumindest „viele“ einheimische Bewohner in Scuol (Engadin). Auch eine Preismanipulation in die Höhe sei normal. Laut NZZ würden weniger die korrupten Unternehmer oder untätige Politiker kritisiert, sondern die WEKO und derjenige, der die Strukturen der illegalen Absprachen offenlegte.

(Der Artikel der NZZ kann nach kostenloser Registrierung in vollem Umfang gelesen werden)

Mehrere Personen hätten im Dorf der NZZ hinter vorgehaltener Hand gesagt, Quasi-Kronzeuge Adam Quadroni sei ein „komischer Kauz“, hätte Sozialleistungen nicht bezahlt, mit seinem schwarzen Mercedes geprahlt und sich bei Arbeiten auf dem Bau gedrückt. Die Personen seien verärgert, weil für Quadroni Geld gesammelt werde und er von „linken Medien“ zum Helden hochstilisiert werde.

Der ehemalige Gemeindepräsidente Jon Domenic Parolini sei die Enttäuschung vieler, man werde ihn aber trotzdem wählen, da er aus dem Unterengadin sei.

 


 
Sowieso schlagen die Wellen hoch. Auch für Walter Schlegel, SVP-Kandidat und Polizeikommandant, schreibt Werner Wyss aus Thusis im Leserbrief der Domleschger-Zeitung, dass „ohne Zweifel“ feststeht, dass kein Zusammenhang zwischen der unverhältnismässig groben Verhaftung Quadronis und dem Baukartell-Skandal bestehe, gegen das Quadroni aussagte. Das ist ganz wichtig. Er unterstelle zwar Quadroni nicht das Lügen, aber es dürfte „wohl Manches anders von statten gegangen sein“, als es die Medien schreiben, deshalb treffe Walter Schlegel so oder so keine Schuld.

Absprachen auch beim Schweizerischen Nationalpark
So titelte ebenfalls die NZZ gestern. Dass viele Firmen (zahlende Kunden) von den Preismanipulationen betroffen sind, ist klar. Auf Unterlagen, die der «NZZ am Sonntag» vorliegen, ist ersichtlich, dass im Jahr 2006 bei einer Bauausschreibung um den Rohbau, Betonlieferungen und Gebäudeausbau betreffend Informationszentrum des Schweizerischen Nationalparks ebenfalls die Vetterliwirtschaft Preise manipulierte; obwohl damals von der Bauherrschaft eine „Selbstdeklaration“ verlangt wurde, die auch zusicherte, dass keine Preismanipulationen stattfinden dürften.

Andrea Hämmerle, der ehemalige Bündner SP-Nationalrat und während der betreffenden Zeit Präsident der Eidgenössischen Nationalparkkommission geht aber nicht davon aus, dass der Bund, der das Informationszentrum finanzierte, zuviel für den Bau gezahlt habe. In den Nachverhandlungen mit den Firmen seien die offerierten Preise noch deutlich gedrückt worden.

«Dennoch erstaunt es, wie wenige Offerten für das Grossprojekt eingegangen sind», sagt Hämmerle. Das könne als Indiz dafür gedeutet werden, dass Absprachen eine Rolle gespielt hätten. (NZZ am Sonntag)

Wenn man weiterdenkt…
In den grossen Medien, die bewusst auf Clickbait-Schlagzeilen machen, in Medien, denen ein Foto eines „Leserreporters“ oder einfach eine neue URL wichtiger ist, als eigener von menschlicher Hand unter Unterstützung des Kopfes erstellter Inhalt, ist der Bauskandal in Graubünden ein gefundenes Fressen.

Man macht schnell die „Schuldigen“ aus.

Dabei gilt es doch, erstmal die Ergebnisse der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) sowie die letzten Untersuchungen und Strafen der WEKO abzuwarten. Gilt nicht für alle eine Unschuldsvermutung? In einer Zeit, in der die Regierung gewählt wird, nicht wirklich. Weil Namen genannt werden, bleibt schnell bei einigen Wählerinnen und Wählern ein schlechtes Image zurück. Es spielen verschiedene Interessen mit.

Doch in Wirklichkeit drängen andere Fragen.
Haben auch Auftraggeber im Wissen um erhöhte bzw. manipulierte Offertenpreise Zusprachen gemacht? Also, normal denkt man ja, die Opfer sind nicht die Täter.

Wann stellen die Ermittelnden fest, dass es kein „Bündner Problem“ ist und dass es kein Problem ist, das sich auf das Baugewerbe beschränkt? Der Filz kennt keine Kantons-, Kultur- oder Landesgrenzen. Er ist konsequent betrachtet, weltumspannend.

Stell Dir vor, die RhB (Rhätische Bahn), an deren Spitze ein Verwaltungsratspräsident steht, der gleichzeitig in einer der bereits verurteilten Bauunternehmen namens Lazzarini Verwaltungsratspräsident ist. Die RhB vergibt Aufträge in nicht unerheblichem Preisvolumen. Auch wenn mich das persönlich nicht direkt betrifft, löst es mir ein miristschlecht-Gefühl in der Halsgegend aus.

Jene, die mit Moral, Rückgrat, Charakter und Ehrlichkeit leben und arbeiten, ob selbständig oder im Angestellten-Modus, fragen sich in dieser Sache schon, zurecht, ob sie selbst nicht die „Vetterliwirtschft“ verharmlosten. Vetterliwirtschaft ist kein Kavaliersdelikt. Es ist (zuweilen justiziable) Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch, Korruption und Preismanipulation.

Ich gehe davon aus, dass solche Absprachen nicht nur im Baugewerbe stattfinden. Und dass illegale Absprachen absolut nicht nur in Graubünden existieren. Die Erde ist ja auch eine Kugel, keine eindimensionale Scheibe ;o) so hoffe ich ^^

Die „Vetterliwirtschaft“ ist ja allen bekannt, dass diese existiert und praktiziert wird, ist gefühlsmässig auch „normal“. Was nicht heissen soll, dass Bürger/innen diese akzeptieren. Das ist halt das Zeitalter des Internets. Da bekommen auch „kleine“ Stimmen manchmal grosse Resonanz. Das Problem ist, dass „normale“ Bürger/innen ja nichts mit b2b am Hut hat. Es tangiert sie nicht. Scheinbar nicht.

Die sogenannte „Kronzeugenregelung“ ist umstritten und in der Schweiz IMHO noch nicht wirklich klar gesetzlich geklärt. Ein Kronzeuge ist eine an einer Tat beteiligte, kriminelle Person, die in der Hoffnung auf Strafmilderung/Straffreiheit gegen die übrigen Tatbeteiligten gegenüber Staatsbehörden aussagen. 2016 befürwortete der Ständerat eine kleine Kronzeugenregelung für Terroristen. Bekannte Kronzeugen waren beispielsweise „Easy Eddie“, der gegen Al Capone aussagte, James Jordan gegen den Ku-Klux-Klan, Linda Kasabian gegen den wahnsinnigen Charles Manson.

 

Ein tiefer Sumpf aus Kartellabsprachen unter Bündner Bauunternehmen (Ticker)
07.05.2018 – 13:18 – Im Oktober 2012 eröffnete die Wettbewerbskommission (WEKO) mit Hausdurchsuchungen eine kartellrechtliche Untersuchung, da Anhaltspunkte für Wettbewerbsabreden im Baugewerbe vorlagen. Unternehmen im Strassen-, Tief- und Hochbau im Kanton Graubünden hatten sich abgesprochen, um Bauprojekte und Kunden untereinander aufzuteilen sowie um Zuteilungen von Ausschreibungen zu koordinieren: zum Artikel

 
Foto: Symbolbild, via Ramdlon auf pixabay

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