Tourismus(-Probleme) in Graubünden? Meine Gedanken dazu…

„Es ist kompliziert“…. oder: „es ist schwierig“… so beginne ich gerne Artikel ;o) nicht aber diesen Beitrag. Der Tourismus in Graubünden habe es schwierig? Ich kann das nicht nachvollziehen; man kann es sich auch schwierig machen… Der Tourismus in Graubünden kämpft ums Überleben? Kein Wunder! Ändert sich nichts, wird es weiter abwärts gehen. Weder bin ich Tourismusprofi, noch habe ich jemals in Graubünden Ferien gemacht; trotzdem meine ich, das „Problem“ liegt auf der Hand, für alle sichtbar und spürbar. So möchte ich nicht meinen Kanton angreifen, auch nicht die Tourismusverantwortlichen. Ich möchte meinem Kanton helfen :o) deshalb hier einfach mal meine persönliche Meinung zur „Misere“ – ungeschminkt, ehrlich und direkt, so wie ich es nicht selten mache. In der Hoffnung, die Diskussion anzustossen, und zwar mit den Tourismusverantwortlichen, nicht mit den Kritikern. Kritisieren, das übernehme ich nun selber mal…

Dieser Beitrag ist meine persönliche, subjektive Meinung. Auch wenn ich nicht in der Tourismusbranche direkt arbeite, kenne ich doch das Thema ein wenig. Geboren 1970 in Chur, erlebte ich die Zeit in der diese Probleme noch nicht existierten. Aber die Zeit steht nicht still; rundherum hat sich die „Welt“ weiterentwickelt und die Branche in Graubünden zieht da nur seeehr langsam nach, sie hat es nicht verschlafen, sondern arrogant ignoriert.

Jene, die in den Bündner Orten im Tourismus arbeiten, und das sind zuweilen sehr viele, müssen bloss 10 KM ausserhalb der Schweiz einen Aufenthalt machen. Es reicht ein verlängertes Wochenende um zu begreifen. Da frage ich mich, sind diese noch nie im Ausland gewesen, oder wollen sie es nicht wahrhaben? Nochmal: ich meine es GUT mit dem Tourismus. Trotzdem folgende Worte: wer in Graubünden bzw. der Schweiz Ferien macht…

  • der zahlt unverschämte, dekadente Preise
  • der trifft auf viele unfreundliche, unflexible, kleinliche, kaum proaktive, aber stets gewinnorientierte Unternehmen/Personal
  • der findet nichts, was es woanders nicht auch geben würde

Unverschämte, dekadente Preise

Da kann man jetzt darüber streiten. Jene die solche Preise verlangen haben 1000 Argumente. 1000 Argumente, die aber den Feriengast, Weekendausflügler oder Sportfreund nicht interessieren. Ein Beispiel. Vor einer Weile war ich in Lenzerheide, als Fussgänger. War es letzten Sommer? Ich wollte spontan aufs Rothorn mit der Bahn, um Fotos zu machen und die Aussicht und den Moment zu geniessen. An der Kasse im Tal unten, als ich den Preis für die kurze Fahrt auf den Berg erfuhr, antwortete ich „iahr schpinnend jo, den gohni halt a biz am See go schpaziara“. Es gäbe viele viele Beispiele, ihr wisst schon was ich meine… für eine Flasche Wasser(!) bezahlt man z.B. mehr als 10 CHF. Ein Tagesbillett im Skigebiet kostet im Winter schnell mal pro Person zwischen 50 und 100 Franken. Egal, auf jedenfall sind die Preise ausserirdisch. Wenn man sich nun fragt, ja was bekomme ich denn dafür, dann muss ich leidergottes sagen: nichts besonderes.

Wenn ich ehrlich bin (und das bin ich ;o) dann muss ich sogar sagen, man bekommt weniger als woanders für weniger Geld! Es ist einfach eine Tatsache und ich musste das auch erst selber lernen: wir Bündner sind eher ein verschlossenes, nicht weltoffenes, spezielles Völkchen. Manchmal stur, „altmodisch“, skeptisch gegen Neues, Veränderndes. Auch ich. Aber ich habe diese öhm Charakterzüge im Laufe meines Lebens selber an mir festgestellt, und seitdem habe ich mich stark verändert.

Vor ein paar Jahren bin ich ja „leider“ in den Thurgau (Kreuzlingen) gezogen; gerade dies hat mir auch „die Augen geöffnet“. Es dauerte sehr lange, bis ich die erste schlechtgelaunte Person traf – welch Wunder, es war ein Buschauffeur ;o) geht man noch 5 KM weiter, über die Grenze nach Konstanz, ist die Sache noch viel klarer, obwohl Konstanz „teuer“ ist! Egal, wo man da „reingeht“, man wird von Menschen bedient, die für ein paar hundert Euro Monatslohn (!!) einen Top-Service, proaktive, freundliche Hilfsbereitschaft und gute Laune bieten, da könnte sich so mancher Schweizer eine grosse Scheibe von abschneiden. Für dieses Geld würde so mancher Schweizer nicht mal „morgens aufstehen“! (was für n Schrott…)

Wer in Graubünden (vielleicht auch im Rest der Schweiz) Ferien macht, muss „reich“ sein. Solange weiterhin dieses System gefahren wird, gibt es nur eine sinnvolle Zielgruppe: die Reichen. Deshalb funktioniert das nicht mehr! Denn es möchten alle möglichen Gruppen und Schichten von Menschen die schöne Schweiz einmal erleben. Der grösste Teil der nicht-reichen wird am Ende des Urlaubs wohl denken „Einmal und nie wieder“.

Service, Hilfsbereitschaft, Kompromissbereitschaft, Flexibilität

Auch hier muss ich leider der Bündner Wirtschaft eins auf die Finger hauen. Man ist hierzulande gerne minimalistisch. Jedes kleinste Extra kostet auch Extra. Macht mal im Schwarzwald z.B. im (hochpreisigen) Titisee ein Weekndurlaub, oder besser mal eine Woche zwei. Wer dann noch nicht verstanden hat, weshalb die Bündner Tourismusbranche verliert, hat, sorry, Tomaten auf den Augen ;o) es reicht, wenn man zwei Nächte in einem Hotel bucht, und man bekommt wirklich vieles kostenlos dazu! Man erhält Gutscheine für die kostenlose Nutzung des öffentlichen Verkehrs (eines riesen Einzugsgebiets), der auch in der Schweiz ausserirdische Preise verlangt! Man bekommt Gratiseintritt in Freizeitangebote! Und trotzdem einen super Service! Für 15 Euro bekommt man in „normalen“ Restaurants Essen und Trinken (inkl. Nachschub!) und freundliches Personal, das keine Wünsche offen lässt. Und dabei zufrieden lächelt.

Auch als Einheimischer; wir Bündner „kennen“ die Bündner und denken vielleicht, ja ist schon okay so, bin ja selber so ;o) aber ein Nicht-Bündner denkt anders. Objektiver. Er kennt nicht nur Graubünden.

Und was haben wir dennn wirklich zu bieten? Eine fantastische Natur! Aber was haben wir denn wirklich für diese Berglandchaften gemacht? Nichts, es war der „liebe Gott“, der die Natur erschuf. Und sauber sind wir. Ja, aber im Hotel, im Haus, auf der Strasse und auf dem WC im Restaurant. Aber für die Berge und die Landschaften tun wir ja „nichts“, die sind einfach da, schon immer. Vielleicht schützen wir sie, okay. Aber es ist nicht unsere Leistung, sondern die der Natur! Was haben wir sonst noch zu bieten, was auf unserer Leistung beruht?

Tourismusmarketing – Massnahmen um die Misere aufzuhalten

Ich möchte nicht wissen, wieviel Geld da (nur schon in das Personal) reingebuttert wird!! Es werden wohl Millionen und Millionen sein! (Nein, ich weiss es wirklich nicht und es interessiert mich auch nicht, weil es eh jenseits von Gut&Böse ist)… Es gab (oder gibt es sie immer noch?) eine wirklich gelungene Werbung für Graubünden: die Steinböcke Gian und Giachen. In meiner Branche sagt man „never change a running system“! Es ist natürlich schwierig, an diese Marketingkampagne mit diesen zwei lustigen Tierchen heranzureichen, so „gut“ war die. In letzter Zeit werden aber Werbekampagnen durchgeführt, die an den Zielgruppen vorbei schiessen oder nicht verstanden werden. Es sind da aus meiner Sicht (bestverdienende) „Marketingprofis“ am Werk, die wohl immer noch denken „auch schlechte Werbung ist gute Werbung“ – anders kann ich es mir nicht erklären. Die erste Priorität wird wohl der eigene Monatslohn oder die coole Reputation in der Branche (?) sein. Lassen wir mal die jüngste Werbegeschichte von Bergün beiseite, die wird wohl in die Schublade „nicht verstanden worden“ abgelegt worden sein. Nehmen wir als Beispiel die aktuelle Werbeaktion Graubündens – jene vom „Partnunersee“:

Link zur Medienmitteilung „Graubünden Ferien“:
Bergsee-Bungalow: Influencer-Projekt auf dem Partnunsee
Alleine schon der Umstand, dass das Tourismus-Unternehmen ständig Medienmitteilungen mit dem (HTML)Titel „ISO-Qualitätshandbuch“ publiziert, zeugt nicht von Herzblut, auch nicht von Professionalität. Kontrolliert das überhaupt jemand, bevor man das an die Presse jagt? Nein. Dieser Titel ist schon lange im Einsatz. Und das für SOVIEL Geld! schmunzel… Wisst Ihr nicht (oder ist es Euch schnurze), wie man ein PDF-Titel ändert, liebes „Graubünden Ferien“? Ich helfe Euch gerne dabei, aber bestimmt nicht gratis :op

Ein weiterer (kritischer) Link zur Marketingidee:
Partnunsee 2017 (www.partnunsee.ch)

Einmal mehr fällt mir zuerst das Wort „dekadent“ ein, dann z.B. „realitätsfremd“, „zielgruppenlos“, auch „arrogant“ oder „billig, aber vermutlich extrem teuer“ und vielleicht „gegen die Natur“… nochmal: es geht mir nicht darum, etwas schlecht zu machen, im Gegenteil, ich möchte („Marketingprofis“) helfen, zu verstehen… vielleicht finden Marketingfuzzis diese Superidee cool, und jene, die daran verdienen; aber die Menschen verstehen das vermutlich zum gössten Teil nicht! Es ist völlig abgehoben, fern des eigentlichen Ziels. Da beginnt der Fehler bereits, wenn man als Tourismusmarketingorganisation einen solchen Titel wählt „Bergsee-Bungalow: Influencer-Projekt auf dem Partnunsee“!

Auch der Begriff „Bergsee-Bungalow“: das gab es nie und wird es auch nie geben. Es ist sogar eine rechtliche Grauzone. Da wird mit Helikopter Zeugs auf den Berg geflogen, ein futuristisches „Bungalow“ auf denm kleinen See gebaut, und dann „wohnen“ da zwei „Influencer“, die vermutlich keinen Plan von Bündner Bergen haben. Und danach? baut man das wieder weg? oder können das evtl. Einheimische nutzen? Wieviel Geld hat man dafür ausgegeben? Wieviel Geld bekommen die zwei jungen Blogger? was soll daran animierend sein, diese zu beobachten? soll es dazu führen, dass danach jemand mehr Ferien in Graubünden bucht? man kann ja eh nicht dasselbe Angebot buchen, oder? eine so schöne, „unberührte“ intakte Natur, und dann so ein Ding, das aussieht, wie ein luxuriöses Spezialangebot für Reiche.

Ich verstehe das einfach nicht, sorry :o) man sollte mal die Marketingverantwortlichen mit folgender Arbeit beauftragen: „mach mal ohne Geld eine Kampagne die fetzt!“… wieso sind da oben nicht Gian und Giachen??? Und wirklich: die Zielgruppe sollen „Junge Leute“ sein? Es will einfach nicht in meinen Schädel rein ;o)

es ist symptomatisch für die „Tourismuskrise“ – realitätsfremd, naturfremd, zielgruppenfremd, sinnfrei.

Ich nehme es in Kauf, für diesen Beitrag einen Shitstorm zu ernten; denn ich bin ein Mensch, der es drauf ankommen lässt, weil es nicht mehr drauf ankommt ;o)… und ich bin ein Herzblutbündner! (deshalb nervt mich das wohl auch so sehr!) Ich liebe meinen Kanton, in dem ich geboren wurde und in dem ich einmal sterben möchte. Ich meine es gut, es soll aufrütteln, alte festgefahrene gelddurchtränkte Strukturen aufbrechen; und nochmal: ich habe von Tuten (Wirtschaft) und Blasen (Tourismus) keinen blassen Schimmer ^^ es sind meine Gedanken…

Nochmal, etwas Wichtiges: es gibt nicht nur schwarz/weiss. Genauso wird es in Graubünden positive Sachen geben und ausserhalb davon schlechte… ich möchte weder alle über einen Kamm scheren, noch meine ich bestimmte Personen oder Firmen (ausser „Graubünden Ferien“). Ich möchte helfen :o) Da muss man halt manchmal unangenehme Sachen sagen und dazu stehen.

Ich freue mich auf Eure Kommentare!
Und hier wird alles (legale) freigeschaltet!
Kannst mir auch mitteilen, ich sei ein überhebliches Arschloch, easy… ;o)

Foto in Header: Bündner Berge (Flüelapass), graubuendner.ch

 

Ist Ihnen dieser Beitrag etwas wert?
Dann freuen wir uns über Ihren Unterstützungsbeitrag, herzlichen Dank!
Bestimmen Sie selbst die Höhe des Beitrags: via Paypal

No votes yet.
Please wait...


Kategorie(n): Freizeit & Unterwegs
Schlagwörter: , , , , , , , ,
Publiziert am 17. August 2017



Kommentar schreiben




Kommentar





Kommentare

Es sind noch keine Kommentare eingetragen.







nächste Seite:
Guata Morga! Heute wird ein weiterer schöner Tag, mit dem Rasenmähen warte ich bis am späten…