Fürsorgerische Zwangsmassnahmen in Graubünden: Kanton publiziert Studie

Ein Forschungsteam unter Leitung von Tanja Rietmann hat im Auftrag der Bündner Regierung eine Studie zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in Graubünden bis 1981 erstellt. Die Studie, herausgegeben vom Staatsarchiv Graubünden, wurde vorgestern auf der Website der Kantonsregierung publiziert. Die Studie beleuchtet „…administrative Versorgungen, Fremdplatzierungen und Entmündigungen in Graubünden vom 19. Jahrhundert bis heute.“

Die komplette Studie ist in PDF-Form downloadbar, oder auch in Printform bestellbar. Der Band 34 zu „Quellen und Forschungen zur Bündner Geschichte“:

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen
Anstaltsversorgungen, Fremdplatzierungen und Entmündigungen
in Graubünden im 19. und 20. Jahrhundert

Unter anderem untersucht die Studie die Erweiterung und Entwicklung des Anstaltskomplexes Realta ab 1919: ein «kaum definierbarer Versorgungskomplex von Geisteskranken, Kriminellen und Verwahrlosten». Weitere Themen, über die man sich in der Studie informieren kann, heissen z.B. „Sterilisationen im Vormundschafts- und Fürsorgekontext“. Gleichzeitig wurde ein PDF „Aktenerhebung auf den Ebenen Kanton, Bezirk, Kreis und Gemeinde“ publiziert.

Territoriale Einteilung der fünf Bündner Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB seit dem 01.01.2013  (Quelle: Staatsarchiv Graubünden)

Territoriale Einteilung der fünf Bündner Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB seit dem 01.01.2013 (Quelle: Staatsarchiv Graubünden)

 

Der Kanton Graubünden errichtete mit der „Korrektionsanstalt Realta“ Mitte des 19. Jahrhunderts eine der ersten derartigen Anstalten in der Schweiz… (Quelle)

„liederliche“, „arbeitsscheue“ und „herumziehende“ Arme

Die Vormundschaftsbehörden konnten derart bezeichnete Menschen in Anstalten einweisen, wo sie teilweise auch jahrelang festgehalten wurden. Dies, ohne dass die betroffenen Personen straffällig geworden wären; der Staat durch die Behörden wollte erziehen und disziplinieren.

In einer Zeit, in der Armut primär als individuelles Versagen gedeutet wurde, wollte man so die Betroffenen erziehen und disziplinieren. Dabei gab es geschlechtsspezifische Unterschiede: Von den Männern wurde in erster Linie Arbeitsamkeit und Mässigkeit (im Genuss von Alkohol) erwartet, während Frauen vor allem an ihrer – primär sexuell definierten – „Sittsamkeit“ gemessen wurden… (Quelle)

Screenshot Studie/Fürsorgegesetz von 1920 - "Fürsorgerische Zwangsmassnahmen. Anstaltsversorgungen, Fremdplatzierungen und Entmündigungen in Graubünden im 19. und 20. Jahrhundert" (Quelle: Staatsarchiv Graubünden)

Screenshot Studie/Fürsorgegesetz von 1920 – „Fürsorgerische Zwangsmassnahmen. Anstaltsversorgungen, Fremdplatzierungen und Entmündigungen in Graubünden im 19. und 20. Jahrhundert“ (Quelle: Staatsarchiv Graubünden)

Persönliche Erfahrungen

Ich selber bin als junger Teenager auch, zwei, drei Jahre nach 1981 in meine „Heimjugend“ hineingeschlittert, aus der ich dann so hmm kurz vor 18 wieder rauskam. Natürlich kann man das jetzt drehen und wenden wie man will, jedenfalls war auch ich „fürsorgerisch“, und nicht aufgrund von irgendwelchen kriminellen Delikten während Jahren in zwei Heimen Gast und erlebte dort meine Teenager-Zeit… („verbannt“ in die Kantone Basel-Land, Zürich)

Was mich persönlich betrifft, habe ich aber *nichts* (wirklich) Negatives von Seiten Heimleiter, Aufseher, Erzieher erlebt, oder mitbekommen, ausser, dass ich gezwungen wurde, im Heim zu sein. Aber ich war auch einer, der sich wehren konnte, Kumpels die sich nicht so zu wehren wussten, litten zumindest unter den charakterschwachen Mitinsassen, sicher aber auch unter charakterschwachen Erziehern. Auch meine damaligen gleichaltrigen Freunde dieser Zeit hatten schon einiges als Kinder und Jugendliche selbst erlebt, um nicht zu sagen, erlitten, alleine schon Freunde im damaligen Waisenhaus Chur, … aber ich war damals eher „laut, gross, stark, angriffig“, mich liessen (ziemlich) ALLE in Ruhe ;o)

Dass ich „eingesperrt“ wurde, hat mich damals auch nicht wirklich gekümmert, denn ich war einfach „dauernd auf der Kurve“, dass heisst, da ich nicht in einer geschlossenen Anstalt war, entwickelte ich mich zum damaligen Rekordhalter, wer am meisten abhaute. Das Problem war nur, dass man so gezwungenermassen in „die Mühlen der Justiz“ geriet, denn nach 24 Stunden „Kurve“ wurde man schweizweit polizeilich „gesucht“, als 15-Jähriger… man wird dann z.B. auf den Gassen von Basel, Aarau oder Zürich von Fahndern erkannt, flüchtet zu Fuss und wird dann vielleicht erwischt, und das bedeutete Festnahme, Handschellen, öhm erste erkennungsdienstliche Massnahmen, temporäre Unterbringung in Zelle dort, dann Transport in Kistenwagen nach Kasernenzelle dort, ein zwei Tage im Knast, dann wieder an Handschellen im Kistenwagen der Polizei zurück in die (offene!) Anstalt :oD

Für mich aus heutiger Sicht als 50-Jähriger sind dies eher amüsante Erinnerungen, als etwas, was mich belasten, oder behindern würde, schmunzel… und ich würde auch nicht irgendwelche Ansprüche gegenüber Behörden von damals stellen, ich war (vermutlich) mindestens zu 50% selber Schuld am Schlamassel, in den ich damals, als 12-, 13-Jähriger geriet. Wenn man denn überhaupt in diesem Alter, während dem Wechsel in die Oberstufe der Schule, schon selber Schuld sein kann, dass man in einem Heim landet, weil man ein Schwiigoof ist ;o)

So habe ich zwar eine „krasse“ Jugend erlebt, aber ich wurde nicht von Autoritätspersonen geschlagen oder gar sexuell angegangen, im Gegenteil; da wo ich landete, einer letzten „Vorstufe“ zum endgültigen Jugendknast, in einem „offenen Erziehungsheim“ ohne hohe Mauern, da wurden seinerseits eher die Autoritätspersonen von den Insassen angegriffen, teils mit lebensgefährlichen Waffen.

Erst dort, im Alter von hmm 15 Jahren begann ich erst wirklich, Sachen zu machen, die man vom Gesetz her klar nicht darf ;o) ich schaffte es aber elegant, stets unter dem Radar der drohenden Massnahme der Verlegung in einen Jugendknast zu bleiben, und dass ich später mit hmm 17 Jahren dann wieder zurück nach Hause durfte ^^ ab meinem 18. Geburtstag startete mein neuer behördlicher Steckbrief, bis dahin fiel ich irgendwie unter Jugendgesetz… seitdem habe ich Vernunft angenommen ;o)

Trotzdem, ich könnte locker ein ganzes Buch darüber schreiben :oD

Die eben publizierte Studie ist eben deshalb auch für mich persönlich sehr interessant zu lesen, weil ich weiss, dass ich an jener Zeit, als behördliche „…administrative Versorgungen, Fremdplatzierungen und Entmündigungen in Graubünden“ gerade noch vorbeigeschlittert bin. Auch weil ich es selber erlebt habe.

Grafik 1: Armen- und fürsorge- sowie bundeszivilrechtlicher Rechtsrahmen der Anstaltsversorgung Erwachsener in Graubünden im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. (Quelle: Staatsarchiv Graubünden)

Grafik 1: Armen- und fürsorge- sowie bundeszivilrechtlicher Rechtsrahmen der Anstaltsversorgung Erwachsener in Graubünden im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. (Quelle: Staatsarchiv Graubünden)

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Quelle/Foto in Header:
Fotobeilage, Medienmitteilung Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartement, Screenshots aus Studie.

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Publiziert am 20. Mai 2017



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